Thema:
'Bildung - ein Definitionsversuch'
/ von: Benjamin Hackl, 6c
In unserer heutigen Zeit teilen die Mitglieder der Gesellschaft Menschen
gerne in zwei Klassen ein: Die erste Fraktion - die gebildeten; und
die zweite, die ungebildeten. Wo jedoch besteht die Grenze zwischen
diesen? Wann gilt ein Mensch als gebildet und welche Stelle nimmt
er durch diesen Status in der Gesellschaft ein? Wodurch wird man gebildet
und inwiefern beeinflusst die Schule den Prozess der Bildung? Wo hört
die Allgemeinbildung auf und beginnt die Fachbildung? Wie wichtig
ist die kategorische Vielfalt der Intelligenz für die Bildung?
Warum besitzt die Bildung heutzutage einen so hohen Stellenwert? Inwiefern
haben es gebildete Menschen im Berufsleben leichter? Gibt es überhaupt
eine klar definierte Grenze zwischen gebildet und ungebildet - und
wenn nicht, dürften wir die Gesellschaft überhaupt in diese
zwei Klassen einteilen? Zählen etwa auch Gesellschafts- und Verhaltensnormen
zum Standard der Bildung? Und auf einen Punkt gebracht: Was sind die
ausschlaggebenden Punkte, um in der heutigen Zeit als gebildet zu
gelten? Und vor allem, wie gelangt man als Teil der Gesellschaft zum
Status eines Gebildeten?
Bevor
ich jetzt jedoch anfange, die Fragen näher zu betrachten, möchte
ich gerne klarstellen, as Bildung für mich bedeutet:
Es sei vorgemerkt, dass die Bildung kein sehr leicht definierbarer
Begriff ist. Andererseits liegt klar auf der Hand, dass wenn von Bildung
gesprochen wird, die Begriffe Intelligenz und Lernfähigkeit eine
wichtige Rolle spielen. Meiner Meinung nach ist die Bildung insofern
ein sehr komplexer Begriff, da es keine vorgegebenen Grenzen für
diese gibt. Menschen beurteilen aufgrund ihrer Erfahrung und eigenen
Lebensphilosophie, wie gebildet ein Mensch tatsächlich ist. Eine
Norm, also ein Maß für die Bildung existiert aber nicht.
Man kann sich der Sache vielleicht annähern indem man den Intelligenzquotienten
und andere derartige Faktoren bestimmt. Auch die von der Testperson
gewählte Lebensphilosophie mag dazu beitragen - aber wie es sich
mit der Bildung schlussendlich verhält, wenn man sie in Worte
fassen; ein Maß dafür finden möchte, erkläre
ich anhand eines kurzen Beispiels: der Nichtexistenz des Begriffes
'Haufen'.
Ich glaube, jeder hat schon einmal einen Haufen Sand gesehen. Ab wann
ist eine Menge von Sandkörnern aber jetzt ein Haufen? Beispielsweise
nehme ich an, der vorliegende 'Haufen' aus Sand bestünde aus
10.000 Sandkörnern. Wenn ich eins wegnehme, dann besteht der
Berg aus 9999 Sandkörnern - und wird immer vom Menschen als Haufen
angesehen. Aber wie viele Körner müsste ich wegnehmen, damit
der Begriff 'Haufen' nicht mehr zutreffen würde? Wo liegt die
Grenze?
Es gibt keine. Denn ansonsten könnte ich jede beliebige Anzahl
an Sandkörnern als Haufen bezeichnen - auch ein einziges. Ob
eine Menge an Sandkörnern bereits ein Haufen ist oder nicht,
lässt sich immer nur relativ feststellen. Wir brauchen einen
Bezugspunkt - eine Ansammlung von 100 Sandkörnern sieht im Vergleich
zu 10000 Körnern winzig aus - eigentlich nicht als Haufen ansehungswürdig.
Aber im Vergleich zu 10 Sandkörnern sieht alles wieder anders
aus - plötzlich erscheint einem die größere Ansammlung
wieder riesig - ein Haufen Sand eben.
Analog zu diesem Beispiel verhält sich, wie schon vorher gesagt,
die Bildung. Natürlich abgesehen davon, dass das Beispiel mit
dem Sand begreifbarer ist, nachdem es in dieser Metapher kein Äquivalent
zum Sand oder eher zur Abzählbarkeit des Sandes gibt. Bildung
lässt sich also nicht messen, nur vergleichen - aber wie?
Menschen sind im Prinzip sehr einfach gestrickt. Meist verhalten wir
uns nach bestimmten Verhaltensregeln - und eine davon ist der Vergleich.
Menschen versuchen immer alles zu relativieren, es mit etwas anderem
in Bezug zu bringen - ein Paradebeispiel dafür wäre die
Werbung in den Medien. Immer wird versucht, andere Produkte der gleichen
Art mit dem eigenen in Verbindung zu bringen und zu zeigen, dass jenes
vielmals besser als alle anderen ist. Den Grund, warum Menschen das
so machen werde ich hier vernachlässigen nachdem er die Einschränkungen
dieses Aufsatzes bei weitem sprengen würde - aber zurück
zum eigentlichen Problem. Menschen versuchen also nicht nur Produkte
miteinander zu vergleichen, sondern auch sich selbst. Sie suchen nach
einem Mittel, mit dem sich klar zeigen lässt, dass der eine besser
ist als der andere - und eines der dafür gefundenen Mittel ist
die Bildung. Man vergleicht hierbei viele Dinge, wie zum Beispiel
Allgemeinwissen, Ausdrucksweise und Verhalten. Das sind zwar nicht
alle Vergleichskriterien - meiner Meinung nach aber die wichtigsten.
Jedoch muss man mit diesen Begriffen wieder sehr vorsichtig sein -
denn was genau stellt denn das Allgemeinwissen dar?
Allgemeinwissen ist kein all zu schwer fassbarer Begriff - viel eher
die Quantität davon. Die Fähigkeit in einem Gespräch
sehr oft das Thema wechseln zu können, überall etwa auf
semiprofessionellem Niveau mithalten zu können, viele aus verschiedenen
Kategorien stammende Fragen in schneller Abfolge und ohne dazwischenliegende
Recherchen beantworten zu können - all das wird üblicherweise
dem Allgemeinwissen zugeschrieben. Je mehr man davon hat, desto besser
beherrscht man die Fähigkeiten - sollte man meinen. Jedoch hat
sich alles existente Wissen der Erde bereits so stark aufgefächert,
dass niemand in der Lage ist, über alles ein wenig Bescheid zu
wissen. Das ist aufgrund der Menge einfach nicht mehr möglich.
Die Ausdrucksweise und das Verhalten sind ebenso wichtig für
die Möglichkeit, die Bildung einigermaßen sinnvoll bewerten
zu können. Sie sind ganz klar definierte Begriffe, sie gehören
in den Bereich der gesellschaftlichen Normen. Als (Vorsicht mit folgendem
Begriff!) 'gebildeter' Mensch gehört es schlicht und einfach
dazu, gesittete Gespräche mit allen möglichen Persönlichkeiten
führen zu können - und damit man in diesen Situationen die
Kontrolle über das Gespräch nicht verliert braucht man zudem
eine gute Menschenkenntnis - und ein gewisses manipulatives Verhalten.
Kurz möchte ich auf den Begriff des 'gebildeten' Menschen eingehen,
nachdem dieser mittlerweile schon sehr oft in den Medien herumgeistert.
Was macht einen gebildeten Menschen aus? Im Prinzip nichts anderes
als ein hohes Maß an Bildung, möchte man vom Wortlaut her
ableiten können. Aber Vorsicht, wie gerade vorhin festgestellt
gibt es kein Maß für die Bildung - wie also kann man einen
gebildeten Menschen jetzt erkennen?
Hierzu greife ich auf den Vergleich zurück - Menschen vergleichen,
wie bereits erwähnt, sehr gerne. Das tun sie eigentlich ständig
und bei allem - und vor allem bei den Menschen, die in ihrer Nähe
sind. Die Definition für den Begriff des gebildeten Menschen
kann man jetzt also schon erahnen: Wenn ein Mensch in der ihn umgebenden
Menge verglichen wird und in dem Sinne als überdurchschnittlich
gebildet, bezogen auf den Rest der Anwesenden gilt, so spricht man
von jenem als gebildet. So ist beispielsweise ein Student auf einem
Bauernfest wahrscheinlich (! Das sei hier ohne Einschränkung
der Allgemeinheit behauptet - ich will keinen der Vertreter unserer
Landwirtschaft diskriminieren!) als gebildet einzustufen - auf einer
Konferenz, bei der nur Professoren anwesend sind, kommt man schon
nicht mehr so leicht auf die Idee, zu sagen, dass der Student gebildet
wäre.
Weiters ist der Status von gebildeten Menschen in der sie umgebenden
Gesellschaft sehr interessant. Einerseits stehen sie ein als Außenseiter
im Raum, nachdem oftmals Klischees vorherrschen - andererseits möchte
man sie in möglichst viele Dinge miteinbeziehen, nachdem ihre
Meinung anders als die durchschnittliche gewertet wird. Sie dient
quasi als Absegnung für ein geplantes Projekt - desto mehr Gebildete
man auf seiner Seite hat, desto sicherer wird ein Erfolg für
das Projekt etc..
Eine Tatsache, die sich bei Gebildeten durchaus einheitlich feststellen
lässt: sie lassen sich meistens leicht für etwas begeistern,
sind oftmals sehr eigenständig und versuchen dieses Interesse
auch bei anderen zu wecken. Damit lässt sich auf die Antworten
zweier weiterer Fragen schließen: Auf der einen Seite die Frage
nach dem hohen Stellenwert der Bildung, auf der anderen Seite die
Frage nach den Vergünstigungen eines 'Gebildeten' in der Arbeitswelt.
Ein Fakt ist, und dabei wird sicher niemand widersprechen, dass eigentlich
laufend Top-Kräfte für jegliche Arbeit gesucht werden. Einzige
Voraussetzung, damit man einen Job schon fast sicher in der Tasche
hat ist Engagement und Motivation - zwei Punkte die sich, wie oben
beschrieben, oft bei Gebildeten feststellen lassen. Und da diese Leute
dann auch für einen Aufschwung der Wirtschaft sorgen, solange
man nur genug von ihnen hat, erklärt sich somit auch der hohe
Stellenwert der Bildung - oder besser gesagt der Gebildeten.
Außerdem lässt sich somit auch auf die Auswirkungen der
Schule auf die Bildung schließen: Aufgabe der Schule ist es,
Jugendliche ein gewisses Maß an Verständnis und Eigenständigkeit
- neben der Allgemeinbildung - zu vermitteln. Und auch wenn das österreichische
Bildungssystem klare Lücken aufweist und wir auch bei der Pisa-Studie
nicht sonderlich gut abgeschnitten haben, die Schule ist und bleibt
fester Bezugsort für alle Gebildeten. Denn sie ist quasi der
erste Ort, an welchem man laufende Rivalität und Vergleiche feststellen
kann - ob zwischen Lehrern und Schülern oder auch untereinander
- immer wird verglichen. Besitzt der Schüler die Anforderungen,
um in die nächste Schulstufe aufsteigen zu können? Wie weit
ist die Klasse bereits, gemessen am Bildungsstandard? Im Endeffekt
läuft bei der Schule auch alles auf Vergleiche hinaus.
Auch
auf den Einfluss des Internets möchte ich kurz aufmerksam machen.
Dank des Internets ist unsere große Welt - und insbesondere
das auf ihr gesammelte Wissen näher zusammengerückt. Mit
dem Internet hat sich eine neue Quelle des Wissens aufgetan, welche
quasi immer für jeden verfügbar ist. Internetseiten wie
Wikipedia liefern neben einer riesigen Missbrauchsquelle für
Wissen - insbesondere beim Thema Referate in der Schule auch noch
eine unermesslich wichtige Sammlung der von der Menschheit gesammelten
Wissens. Dass nun dieses Wissen und die Bildung eine enge Verbindung
haben, kann man sehr leicht feststellen - denn (reines) Wissen ist
eines der vielen Kriterien, welche für das Vergleichsmaß
Bildung wichtig sind. Insofern ist dieses extrem breite Spektrum an
Wissen wie jenes, welches im Internet zu finden ist, das gleichzeitig
jederzeit abrufbar ist, umso wichtiger. Und das nicht nur für
jene, die sich gerne weiterbilden, sondern auch für alle anderen,
die eventuell nur selten etwas nicht wissen oder die daran vielleicht
gar nicht so interessiert sind. Und das lässt sich ebenso leicht
feststellen: Leute, die ohne das Internet aufgewachsen sind und den
Triumphzug desselben miterlebt haben, können sich vielleicht
noch ein Bild davon machen, wie unsere Welt nun ohne das Internet
aussehen würde. Bibliotheken und Lexika wie der große Brockhaus
würden noch im Vordergrund stehen, Universitäten (oder zumindest
deren öffentliche Vorlesungen) wieder eine Blütezeit erleben.
Alle jene, die bereits mit dem Internet aufgewachsen sind, können
es sich heute eigentlich nicht mehr wegdenken, weil es zu große
Veränderungen für die Menschheit gebracht hat - es ist einfach
nicht mehr realisierbar, das Leben ganz ohne Internet.
Zusammenfassend
kann man sagen, dass die Bildung eines der wichtigsten Vergleichselemente
der Neuzeit ist. Sie ist individuell, besitzt kein allgemein gültiges
Maß und kann nur zu Vergleichen herangezogen werden. Wie wichtig
das ist, ein solch stetiges Element zu besitzen, geht nach obiger
Argumentation klar hervor. Der einzige große Nachteil, den sie
mit sich bringt, ist die Gliederung der Gesellschaft. Rein theoretisch
hätten wir kein Recht, alle diejenigen einzugliedern in diese
zwei Klassen - denn man kann Menschen nicht nach diesem Prinzip trennen.
Wie würde so etwas aussehen? Die eine Gruppierung besteht aus
Menschen, die ungebildeter sind als ich - und die andere besteht aus
gebildeteren und gleich gebildeten? Unmöglich, so etwas durchzuführen.
Man könnte es zwar für einen einzigen Menschen vollziehen
- aber niemals für mehrere. So entstünden nämlich gleich
viele Gruppierungen, wie es Menschen auf der Erde gibt - und somit
besitzt diese Einteilung keinen Wert mehr. Warum dennoch eingeteilt
wird, vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß aber, dass Menschen
eben versuchen, alles zu vergleichen - und daraufhin auch einzuteilen.
Dass aber die Einteilungen in Punkto Bildung gefährlich und konfliktfördernd
sind, daran denkt man oft nicht so schnell. Ich bin klar gegen eine
solche Teilung der Menschheit - denn worin derartiges gipfeln kann,
konnte man (als extrem gewähltes Beispiel) schon öfters
sehen. Die Weltkriege, Rassismus, alle entstanden bzw. entstehen sie
(denn dieses Einteilen passiert noch immer und überall) immer
noch aus verschiedenen Gründen - jedoch mit der großen
Gemeinsamkeit, dass deren gemeinsamer Keim immer die Abgrenzung, das
Einteilen von Menschen war. Anstatt Gemeinsamkeiten zu suchen und
die Forschung und die Wirtschaft voranzutreiben, distanzieren wir
uns voneinander, schaffen unüberbrückbare Abgründe,
und erweitern die Kluft, welche uns voneinander trennt. Auch wenn
dank den neuen Medien, insbesondere dem Internet die Gruppen gleicher
Abstammung näher zusammenrücken mobilisiert man jedoch gleichzeitig
die unterschiedlichen Gruppen und hetzt sie gegeneinander auf - eine
neue, moderne Form des Rechtsradikalismus entsteht.
Wie die Welt ohne diese extreme Gruppierung aussehen würde kann
man nicht abschätzen - denn auch, wenn wir versuchen, es zu unterdrücken;
auch wenn wir uns alle Mühen der Welt geben - schlussendlich
gruppieren wir dennoch. Ob wir wollen oder nicht - es ist ein Reflex,
den man nicht mehr loswerden kann. Zumindest nicht in dieser oder
in einer der nächsten paar Generationen. Denn damit das passieren
würde - damit wir aufhören würden, alles in eigene
Gruppen einzuteilen, dick-dünn; groß-klein; schwarz-weiß;
gebildet und ungebildet - ja, dazu müsste schon ein wahres Wunder
geschehen, da dieses gruppierende Denken tief in uns verankert ist.