Freiarbeit
+ neue Lernkultur
Eine
der wesentlichen Forderungen des Lehrplans ist die Förderung
der Schüler und Schülerinnen durch Differenzierung und Individualisierung.
Am BRG-Viktring setzen Lehrer und Lehrerinnen seit Jahren immer wieder
so genannte 'offene Lernformen' ein, die es Schülerinnen und
Schülern ermöglichen, entsprechend ihren Fähigkeiten
und ihrem Entwicklungsstand ein differenziertes Lernangebot wahrzunehmen.
Sie können einerseits ihre Stärken bewusst erleben, andererseits
wird ihnen aber auch die Chance geboten, an ihren Schwächen zu
arbeiten.
Diese Arbeitsform berücksichtigt nicht nur unterschiedliche Lerntypen,
sondern auch die individuell notwendige Arbeitszeit. Leistungsstarke
Kinder können im Regelunterricht, wo alle Kinder zur gleichen Zeit
das Gleiche tun, leicht unterfordert sein, wenn sie früher als
andere mit bestimmten Aufgabenstellungen fertig sind. Andere Kinder
wiederum brauchen mehr Zeit für bestimmte Aufgaben oder benötigen
öfter individuelle Betreuung.
'Unterricht mit integrierter Freiarbeit' am BRG-Viktring bietet Schülerinnen
und Schülern 5-7 Stunden pro Woche die Möglichkeit, Neues
zu erarbeiten, zu üben und zu festigen in dem Tempo, das ihnen
individuell entspricht. Sie übernehmen dabei ein gutes Stück
Verantwortung für ihr eigenes Lernen und erhalten dafür
die Freiheit zu wählen, wann sie welche Arbeitsaufträge
erledigen möchten.
Was bedeutet konkret: 'Neue Lernkultur'?
Dazu
eine der ProjektkoordinatorInnen, Elfriede Witschel:
'Eine Szene aus dem Unterricht zu Beginn der ersten Klasse ist mir
noch gut in Erinnerung: Die Klasse bot ein gewohnt buntes Bild an
Tätigkeiten: Einige Kinder feilten in Gruppen an einem Dialog
für Deutsch, eine kleinere Gruppe lag mit einem Atlas als Zentrum
auf dem Boden und erarbeitete Fragen zu Geografie, zwei Schülerinnen
klebten mit ihren Ohren am CD-Player und hörten sich ein ums
andere Mal eine Stelle einer englischen Geschichte an, der Rest schien
in Mathematik vertieft zu sein.
Etwas
irritiert beobachtete ich zwei Mädchen, die es sich schon eine
geraume Zeit auf dem Sofa gemütlich gemacht hatten. Sie schienen
sich köstlich zu amüsieren, machten sich gelegentlich auch
Notizen, aber was konnte das für eine Aufgabe sein, die sie lösten?
Sich eine so lange Pause zu gönnen erschien mir angesichts des
knappen Zeitrahmens für gefährlich - sie würden ihr
Arbeitspensum nicht in der vorgesehenen Zeit lösen können.
Angesprochen
auf diese Tatsache erklärten sie mir strahlend, sie seien mit
allen Aufgaben fertig und schrieben an einer Dramatisierung ihrer
Deutsch Lektüre. Stolz und Freude erfüllten mich: Früher
als ich hatten die Schülerinnen das System der Planarbeit verstanden
und umgesetzt. Sie hatten in dem Tempo gearbeitet, das ihnen entsprochen
hatte und somit ein gutes Stück Verantwortung für ihr eigenes
Lernen übernommen.
Im normalen
Unterricht tun alle Kinder zur gleichen Zeit das Gleiche. Die zwei
Mädchen wären wahrscheinlich unterfordert gewesen, weil
sie auf die anderen hätten warten müssen, wenn sie früher
als die anderen mit ihren Aufgabenstellungen fertig wären.
Solche Szenen gab und gibt es jede Woche aufs Neue. Ich habe mittlerweile
gelernt mit meiner 'neuen Rolle' umzugehen, habe ein gutes Stück
an Verantwortung abtreten und gebe individuelle Hilfe und Rat, wo
dies nötig ist. Stolz bin ich noch immer auf diese reife Leistung
der Schülerinnen und Schüler.'